Sport frei Michi

45. GutsMuths Rennsteiglauf …

„… wir laufen ja so gerne am Rennsteig durch das Land,
die Laufweste auf dem Rücken, die Garmin an der Hand.
Ich bin ein lust’ger Läufer, so völlig unbeschwert.
Mein Lied erklingt durch Busch und Tann, das jeder gerne hört.

Diesen Weg auf den Höh’n bin ich oft gegangen, Vöglein sangen Lieder.
Bin ich weit in der Welt habe ich Verlangen, Thüringer Wald nur nach dir.“

Anmerkung der Redaktion: das Original „Rennsteiglied“ wurde leicht durch den Autor unter Sauerstoffmangel während des Laufens auf dem Rennsteig verändert

… so oder zumindest so ähnlich erging es uns letztes Wochenende auf dem besungen Weg von Neuhaus ins schönste Ziel der Welt. Auf jener für mich bedeutungsvollen Strecke, auf der ich vor einem Jahr meinen ersten Marathon lief.  Damals war für mich Schmiedelfeld wirklich das schönste Ziel der Welt und heute ist es das immer noch, doch der Grund ist ein anderer 😉

Einmal einen Marathon laufen …

… um zu schauen, ob ich dazu in der Lage bin. Das waren einst die Worte von Theresa (meiner besseren Hälfte). Jetzt kam es bei der diesjährigen Urlaubsplanung rein zufällig dazu, dass in unserem Traumurlaubsland  zu unserer Urlaubszeit ein Marathon veranstaltet wird, den ich rein zufällig ja laufen könnte … wenn man schon mal da ist 😉 Der Vietnam Mountain Marathon ist allerdings kein Rundkurs, daher müsste meine Resi irgendwie vom Start zum Ziel fahren und da ihr Vertrauen in die öffentlichen Verkehrsmittel im Hoàng Liên Sơn-Gebirge nicht so stark ist, war die naheliegendste Alternative selbst die Laufschuhe zu schnüren. Also laufen wir gemeinsam und da mein Vertrauen in die Ungiftikeit der Tierwelt des Hoàng Liên Sơn-Gebirge nicht so stark ist, bin ich der Meinung, dass wir nicht stehenbleiben sollten. Also wäre ein Marathon mit paar Höhenmeter zum Testen nicht schlecht und da ja Tradition verbindet, sollte auch der Rennsteig Theresas erster Marathon werden. Sie war aber nicht allein, denn Alma wollte nach ihrem ersten Trail in Innsbruck gleich noch ihren ersten Marathon nachlegen, was sich der Rest der Gang natürlich nicht entgehen lassen konnte und schon waren Alex und Philipp eingeschrieben.

Vor dem Lauf …

… ereignen sich ja schon erste Wettrennen um die verfügbaren Parkplätze, so auch beim größten Crosslauf Europas.  Wir kamen aus Richtung Lauscha und entgingen so dem Hauptansturm der Bundesstraße 281. Geparkt wurde gleich im Wohngebiet 500 Meter vom Start entfernt. Dort war die Stimmung, wie auch im letzten Jahr, überwältigend. Alle sangen, klatschten, tanzten, schunkelnden zum Schneewalzer und dem Rennsteiglied. Wenn man am Start etwas verbessern wollte, würde ich mehr Toilettenhäuschen aufstellen. Bis kurz vorm Start gab es noch lange Schlangen vor den wenigen Dixies.

Apropos lange Schlangen …

…  es muss wohl ein einmaliges Bild sein, wenn sich um 9 Uhr diese riesige bunte Läuferschlange in Bewegung setzt und in Richtung Schmiedelfeld schlängelt. Bei perfektem Läuferwetter (14 Grad mit leichter Bewölkung), liefen die ersten Kilometer wie von alleine, da die Zuschauer uns quasi aus Neuhaus hinaustrugen. Bis zur „Steinheider Hütte“ (Verpflegungspunkt 1) geht es auf Asphalt der B281 rauf und wieder runter. Alle haben ein Lächeln im Gesicht und es wird gescherzt und erzählt. Das erste Stück sind wir auch noch gemeinsam unterwegs, danach haben sich Alma, Alex und Philipp verabschiedet. Almas wollte „nur“ ins Ziel zu kommen, hatte aber noch ein Finish um die 4:30h im Kopf. Das würde sie natürlich nie zugeben. Alex wollte sie als erfahrener Marathonläufer begleiten und unterstützen. Er hatte sicherlich für den unwahrscheinlichen Notfall, dass Alma keine Luft mehr zum Reden hat, einige Frauenmagazine gelesen, um für Unterhaltung zu sorgen. 😉 Philipps Absicht war die Ziellinie zwischen 3:45h und 4h zu überqueren. Uns ging es wirklich nur ums Ankommen, was nach nur 4 Wochen Training und ein paar längeren Läufen schon überragend wäre, also haben wir die drei ziehen lassen.

Nach sechs Kilometern ging es dann endlich weg vom Asphalt auf denn Rennweg. Das Läuferfeld war immer noch dicht zusammen, aber Platz war nach der breiten Straße auf den Forstwegen auch kein Problem. Ich hielt mich etwas im Hintergrund und erzählte jedem die Geschichte von Resis ersten Marathon, vielleicht war ich ja schon etwas stolz, denn bis zum Start war sie sich diesem Wagnis gegenüber ziemlich unsicher. So nach und nach entwickelte sich eine kleine Fangemeinde um uns herum, Leute, die wir unterwegs immer wieder trafen und die Resi immer wieder anfeuerten, unterstützten und sogar ein Bier mitnahmen … der Rennsteig eben 😉

Vor der zweiten Verpflegungsstation, dem Dreistromstein, erwartete uns der erste steilere Anstieg, den wir von Anfang an gingen. Kräfte sparen !!! Nach dem ersten Viertel sah Resi auch schon ziemlich geschafft aus. Wir gingen also langsam durch die Verpflegungsstation, Zeit, um die freiwilligen Helfer etwas zu beobachten. Die Mädels und Jungs machten einen super Job. Jeder – wirklich jeder – war gut drauf, scherzte, lächelte, feuerte uns Läufer an und freute sich über jedes Dankeschön. Wenn ich für mehrere tausend Leute Obst schneiden, Getränke ausschenken oder Haferschleim abfüllen müsste, würde ich lieber einen Marathon laufen 😉 Vielen Dank dafür, ihr seid Klasse.

Da wir natürlich die alte „von Verpflegungspunkt zu Verpflegungspunkt“-Taktik anwanden, stand nun die längste Etappe an. Bis zur Turmbaude Masserberg waren es ca. acht Kilometer, allerdings acht schöne Kilometer durch den grünen Thüringer Wald. Zumindest ich konnte sie geniessen, der Blick zu Theresa offenbarte mir nicht, ob es ihr ebenso ging. Zeit für Stimmungscheck, Zeit für ein Selfie-Faxen … Zunge raus … da war mir klar, dass es ihr noch gut ging. Turmbaude wir kommen … ähhh gehen, denn der langgezogene Anstieg am Schluss hat es schon in sich.

Mein Lied erklingt durch Busch und Tann

Die Hälfte hatten wir also beinahe und zeitlich sah es gar nicht so schlecht aus. Als ich Theresa auf ein fünf Stunden Finish ansprach, wollte sie davon nichts wissen. Plötzlich: Stau, mitten im Wald und plötzlich das Rennsteiglied, gesungen von den Läufern. Letztes Jahr stand ich an der gleichen Stelle, allerdings ohne musikalische Untermalung und dieses Jahr, ziemlich genau beim Halbmarathon, wurde gesungen … der Rennsteig eben 😉

Als sich das Läuferfeld wieder in Bewegung setzte, war Resi im Downhill voll da, machte einige Plätze gut und schon waren wir an der Schwalbenhauptwiese vorbei Richtung Neustadt. Zwar wurde jetzt immer häufiger gegangen, aber so langsam war klar, dass wir Schmiedelfeld wohl erreichen werden. Zu dem Zeitpunkt, war Resi schon weiter als je zuvor gelaufen. In Neustadt war Rennsteig-Ausnahmezustand. Am Ortseingang wurden wir von einem Zitterspieler begrüßt und konnten schon den Moderator sowie die Musik der Verpflegungsstation hören. Überall begrüßten uns die Leute, Häuser waren geschmückt und Puppen mit alten Rennsteig-Trophäen versehen. Ab hier waren es nur noch zwei Verpflegungsstationen und an der Letzten wird es sogar Bier geben. Die zählt also nicht 😀 Vor dem großen Dreiherrnstein stand ein Leierkastenspieler, der wohl schon seit über 15 Jahren dort mit seiner Drehorgel steht … der Rennsteig eben 😉

Mittlerweile waren wir jenseits der 30 Kilometer auf dem Weg zum Frauenwald. Keine Ahnung woher der Name kommt und keine Ahnung warum es dort Bier gibt, doch für mich war klar, wenn nicht heute, wann dann. Letztes Jahr habe ich mich noch gewundert, wie man so kurz vor dem Ziel Bier trinken kann und so ging es wohl auch einem Pärchen, was mich direkt beim Vorbeilaufen auf mein Bier ansprach. Sie wollten wissen, was es jetzt bewirkt und warum ich dafür stehen geblieben bin. Ich sah wohl so aus als würde ich das häufiger machen,  dass fand vermutlich auch der langhaarige Metaller, der mir anerkennend zuprostete. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich husten musste und den nächsten Kilometer von Rülpsattacken gequält wurde, aber wenn nicht heute, wann dann.

Das schönste Ziel der Welt …

… kam immer näher und so langsam war es an der Zeit Resi darauf vorzubereiten. Natürlich lies ich Details wie den langen Anstieg hoch zum Sportplatz weg und erzählte nur von den Zuschauern, die die Läufer wie verrückt anfeuern. Vor dem letzten Anstieg ihres ersten Marathon habe ich sie dann an die Hand genommen und das schönste Ziel der Welt hat den Rest erledigt … der Rennsteig eben 😉

Wir überquerten nach etwas mehr als 5 Stunden die Ziellinie. Geschafft. Der Rennsteig wurde auch für Theresa der erste Marathon. Noch nie war ich so stolz auf sie und noch nie war mir eine Zielzeit so egal. Ich bin sehr dankbar, dass alles gut ging und ich sie begleiten durfte und freute mich schon auf die Revanche für letztes Jahr, als sie mich den ganzen Abend mit meinem Muskelkater in Bewegung hielt 😀 Daraus wurde leider nichts, Muskelkater … Fehlanzeige.

Im Ziel konnten wir schon Alma & Alex grinsen sehen, die beiden haben mit einer herausragenden Zeit von 4:36 gefinisht. Philipp hatte leider Probleme mit seiner Ferse und konnte seine Zielzeit nicht ganz erreichen. Kurz darauf haben wir noch unserem Lauffreund Norbert zu seiner Supermarthon-Bestzeit von unglaublichen 07:00:22h gratulieren können. Nobbi, ich freue mich schon auf unsere Etappen bei der Via-Carolina 😉  uuund Katrin & Holger haben die ersten 55k des Supermarathons gerockt. Besser hätte es also nicht laufen können … der Rennsteig eben 😉

Ausrüstung …

… quasi nix, bis auf meine Peregrines, Hose, Shirt und Basecap. Der Rennsteig ist der Ort, wo man den häufig angepriesenen Laufpurismus (nur Schuhe, Short und Shirt) findet. Das meine Hose fast 100 und mein  Shirt … na ja lassen wir das 😉 Die Versorgung entlang der Strecke ist perfekt und so regelmäßig, dass man sehr gut ohne Laufrucksack ins schönste Ziel der Welt kommt.

„… wir laufen ja so gerne am Rennsteig durch das Land,
die Laufweste auf dem Rücken, die Garmin an der Hand.“

#SportFrei

michi • 26. Mai 2017


Previous Post

Next Post

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published / Required fields are marked *

%d Bloggern gefällt das: