Sport frei Michi

Sachsentrail die Erste …

… für mich und die Zweite für den Veranstalter. Bei der Premiere im letzten Jahr konnte ich leider nicht dabei sein, wie gut, dass es heuer eine Fortsetzung gab und waren es beim Debüt noch 300 Läufer gingen am 4. Juli 2015 ca. 600 Trailrunner an den Start.

Diese Trailrunner sind schon ein eigenes Völkchen, keine Beschwerden über Neoprenverbot oder Gerüchte über die Absage des Events, wie wir das an diesem Wochenende vom Ironman in Frankfurt gewohnt waren. Im Gegenteil, ein paar Tage vor dem Start wurde noch auf der Website postuliert, dass es im Wald sowieso kalt ist und dass man im Starter-Turnbeutel ein Buff finden würde, dass – sofern nass – den Kopf vor der Hitze schützt. Das wäre auch ganz im Sinne meines alten Stabsunteroffizier Roscher (Gebirgsjägerbataillon Schneeberg) gewesen, dessen Lebensweisheit ich an dieser Stelle zitieren möchte: „Wir gehen im Wald, denn im Wald ist’s kalt.“ Mit ihm bin ich vor Jahren durch ebendiese erzgebirgischen Wälder gelaufen, gerannt, gerobbt, gewatet und gekrochen anstatt wie die anderen Gruppen im LKW zu fahren. Jetzt mache ich das auch noch freiwillig und zahle dafür, so ändern sich die Zeiten. Also werden am heissesten Tag des Jahres die 9,4 Kilometer und 295 Höhenmeter des Fun-Trails am Rabenberg in Sachsen unter die Salomons genommen.

Die waren auch schon mit dem ganzen anderen Zeug am Freitag im Turnbeutel und so konnte es entspannt am Samstag Richtung Erzgebirge gehen. Mein Lauf begann erst um 12:30 Uhr. Streberhaft wie ich bin, stand ich natürlich bei der Einweisung um 11:30 Uhr in der ersten Reihe und hörte den Ausführungen von Günni (Anm. d. Red.: der Name wurde vom Autor nicht verändert) zu. Günni, offensichtlich Trailrunning Urgestein, stand barfüssig auf dem Asphalt, dessen Wärmegrad mindestens mit dem Hochofen aus Terminator 2 vergleichbar war, in dem sich der Governator am Ende selbst terminierte … nur Günni und vielleicht gerade noch Chuck Noris konnten barfüssig diesen Temperaturen trotzen. Jedenfalls entsprach die Streckenbeschreibung nicht ganz dem, was ich eigentlich erwartet und bereits schon einmal abgelaufen hatte, aber wer sich diesen thermischen Gesetzmässigkeiten widersetzten kann, wird natürlich nicht angezweifelt. Selbstverständlich wollte ich auch einer Terminierung entgehen. Günni war es sehr wichtig, dass wir beim – Zitat – „Runterballern“ des ersten Hanges auf exponierte Steine achten und natürlich nicht die Streckenführung ausser Acht lassen sollen. Merke für später: den Hang „runterballern“ !!!! Letzter Hinweis von ihm: „Viel Spass und 12 Uhr geht’s los“. Oha, eine halbe Stunde früher als geplant, dieser Günni kann wirklich alles und dabei wollte mich doch eigentlich noch semi-professionell einlaufen und mental vorbereiten. Jetzt aber hurtig umziehen, Startnummer drapieren, Visor mit Kopf unter den Wasserhahn und zum Start sprinten.

Als ich mich unter Meinesgleichen mischen wollte, ist Resi aufgefallen, dass meine Startnummer eine andere Farbe hatte, als die der anderen Läufer, was in der Tat etwas kurios war. Als ich dann nach der Länge der Strecke fragte, wurde mir klar, dass ich mich nicht in meiner Startgruppe befand. Nach dem Abgleich meiner Startnummer mit dem Zeitplan wurde mir klar, dass ich erst in 30 Minuten starten muss und just in diesem Moment kam auch die Durchsage, dass sich die Fun-Trailer direkt nach dem Start der Quarter-Trailer zur Wettkampfbesprechung treffen sollen. Also noch mal zu Günni, dessen Streckenbeschreibung ich gleich viel besser folgen konnte und die auch der in meinem Kopf entsprach. Jetzt war alles klar: einfach „runterballern“, wieder retour und fertig.Obwohl mein offizielles Ziel das Ankommen unter einer Stunde und das mit gesunden Knien war, trachtete ich inoffiziell nach einem der Pokale, die es für die ersten drei Plätze gab. Das hiess also Vollgas, gleich von Anfang an.

Nach dem Start bildete sich schnell eine Spitzengruppe von 6 Läufern inklusive meiner Wenigkeit und nach der ersten Steigung war ich auch schon auf Platz 4, was für mich und meinen Puls so beeindruckend war, dass er gleich 45 mal so schnell (Adam Ries: 4 X 45 = 180) schlug. Aber okay, gleich wird bergab „geballert“ und es wird auch noch kalt im Wald ;-), es sollte also kein Problem sein, meinen Puls zu senken. Die beiden ersten Läufer konnte ich schon nicht mehr sehen, ergo Gold und Silber abgehakt. Die Plätze 3 und 4 waren aber noch in Sichtweite und somit konnte die wilde Jagt auf den Downhill-Mountainbike-Strecken des Rabenberg beginnen. Blick auf die Uhr: 175er Puls, na Klasse, wie soll man mit 175 überholen, wenn die Top-Speed irgendwas mit 185 ist. Zeit für eine Bestandsaufnahme: Platz 3 habe ich nach den ersten Kilometern nicht mehr gesehen und auf Platz 4 konnte ich aufschliessen. Erkenntnis:

  1. Hirn funktioniert auch noch ohne Buff oder macht mir genau das vor
  2. Platz 3 ist ziemlich jung und wahrscheinlich seit Kindheitstagen in diesen Wälder groß geworden, dagegen können meine Hügelchenintervalle am Silberbuck (38m) nichts ausrichten
  3. Platz 4 ist schnell, kommt aber nicht so richtig mit dem Gelände klar
  4. Vielleicht ist mein Puls gar nicht so hoch mit GPS nimmt es die Fenix 2 ja oft auch nicht so genau

Plötzlich erschienen mir Günni und der Schlagerstar Peter Wackel gedanklich auf meinen Schultern. Teufelchen Günni, der natürlich barfuss auf Lava stand, sagte nur „Ballern“ und Engelchen Peter säuselte: „Es gibt nur ein Gas – Vollgas“. In dem Moment war alles klar. Bergab alles geben und danach irgendwie hochkämpfen. Im ersten Downhill konnte ich dann den Vierten überholen und mich auch noch sofort absetzen. Der zweite Downhill beginnt mit einer mittleren Steigung auf Asphalt, wo Platz 3 völlig ausser Atem laufend überholt wurde. Bis hierhin war also die Rechnung aufgegangen und jetzt hieß es soviel wie möglich Körnern für den langen Weg zurück zu sparen. Auf der nächsten größeren Geraden war von Platz 3 nichts mehr zu sehen, dafür erschien am anderen Ende Platz 2, was aber auch eine Fata Morgana hätte sein können, da die Sonne und die Temperaturen mir ziemlich zusetzten. Nichts mit kalt im Wald, Herr Stabsunteroffizier.

Der letzte Downhill führte direkt zur ersten und einzigen Verpflegungsstation. Wasser auf den Kopf, Wasser ins Gesicht und Wasser in den Mund, Vorrat für die nun beginnende 3,3 Kilometer Steigung. Bereits auf den ersten Höhenmetern zeichneten sich mehrere Probleme ab. Erstens hatte ich „verballert“, meine Beine fühlten sich sehr schwach an und schon jetzt wurde jeder Schritt zu Qual. Zweitens hatte Unteroffizier Roscher nicht vollkommen unrecht, im Wald war es zwar nicht kalt, aber ausserhalb war es wärmer und zu guter Letzt kam Platz 3, der vorherige Platz 4, näher. Schnell wurde mir bewusst, dass ich ihm nichts mehr entgegensetzten konnte. Ein paar Hügelintervalle reichen eben nicht aus, um über mehrere Kilometer eine gute Performanz am Berg zu bringen. Hier muss ich wohl noch einiges an Hausaufgaben machen. Nachdem ich überholt wurde und nichts dagegen tun konnte, war auch mental Schluss, ich konnte nur noch gehen und mit meine Motivation war wohl noch unten im Tal an der Verpflegungsstation Wasser trinken. Die nächsten Kilometer sollten keinen Spass mehr machen und als ich meinen Hintermann immer näher kommen sah, habe ich auch schon mit Platz 4 abgeschlossen. Die Strategie jetzt war 100 Schritte gehen, um danach 200 Schritte zu laufen, um dann wieder von vorn zu beginnen. Irgendwann verlegte ich das Laufen auf die wenigen schattigen Passagen und keuchte Höhenmeter für Höhenmeter nach oben.

Zu meiner Überraschung tauchte dann ein Läufer mit Radbegleitung vor mir auf. Der arme Kerl musste der Letzte des Quarter-Trails zu sein und hatte auch kräftig an dem letzten Anstieg zu kämpfen. Die Jungs und Mädels müssen alle Vollprofis sein, nur eine halbe Stunde vor uns gestartet und der letzte Läufer ist schon auf dem finalen Anstieg … der Hammer. Tja, ich schaffte es noch kaum zu laufen und in jeder Kurve der Blick zurück. Mein Verfolger musste auch mittlerweile auch laufen, war aber bis auf 100 Meter an mich herangekommen. Jetzt also noch mal zusammenreissen und das Ziel vor Augen führen. Wenn ich dort oben bin und meine Runtastic-App anhalten, wird die nette Dame irgendwas faseln von: „pain is temporary, pride is forever“. Richtig stolz würde mich der vierte Platz nicht machen, aber besser als der fünfte ist er allemal und es gab da ja noch das Ziel die Strecke unter einer Stunde zu laufen. Recht hat das Madle, also Endspurt! Wenn auch nicht schnell, aber laufend setzte ich einen Fuss vor den anderen um den letzten Kilometer noch hinter mich zu bringen. Diese führten unter dem Klettergarten des Rabenbergs durch, dessen Besitzer mir noch vor dem Rennen gesagt hat, dass er mit einer Abkühlung auf uns Läufer warten würde. Da stand er auch, mit einem Weizenglas voller kühlem Nass, was er mir beim Vorbeilaufen uns ins Gesicht spritze und was mich die letzten Höhenmeter puschte.

Im letzten Waldstück konnte ich dann auch meine Freundin – engelhaft im weissen Kleid – erkennen, die fragend auf uns zwei Läufer schaute. Ich hatte mittlerweile zum letzten Quarter-Trailer aufgeschlossen. Als ich direkt vor ihr stand und sie mich erkannte, fing sie an zu jubeln und gab mir noch etwas zu trinken. Im Nachhinein erfuhr ich, dass sie den Drittplatzierten mit mir verwechselt hatte, ihm wohl schon lautstark aus der Ferne zugejubelt und eventuell die ein oder anderen Liebesbekundung zugerufen hatte. Da wird oft kritisiert, dass wir Hobbysportler fast wie Profis trainieren, müssen wir ja auch, denn am Ende nimmt der Bessere nicht nur deinen Pokal, sondern auch noch deine Freundin mit nach Hause. So hart ist nämlich Freizeitsport.

Kurz vor der letzten Kurve lies mich noch der Quarter-Trailer passieren und nun waren es nur noch 150 Meter bis zum Finish-Bogen, die einem aber wie eine halbe Ewigkeit vorkommen. Ich konnte den Moderator schon hören: „Und auf dem dritten Platz …“, ja ja schüttet nur noch Salz in meine offene Wunde, „… und da unten kommt auch schon der nächste Fun-Trailer. Doch was ist das, der erste Ultra-Trailer kommt direkt hinter ihm. Der erste Ultra-Tailer ist auf den letzten Meter“. Wieso muss sowas eigentlich immer mir passieren? Jetzt bekommt der Dritte meinen Pokal, nachdem ihm meine Freundin Liebesgrüße entgegen geschmettert hat und ich nicht mal die verdiente Aufmerksamkeit beim Zieleinlauf, da Eike Loch der verdiente Gewinner des Ultra-Trails direkt hinter mir einläuft.

Seit Fürth war ich ja Endspurter und somit konnte ich mich auf der Zielgeraden noch etwas von Eike absetzen. Allerdings habe ich deswegen auch nichts mehr von meinem Applaus mitbekommen. Im Ziel ging erstmal gar nichts. Auf ein Geländer gestützt rang ich nach Luft während ein nettes Mädel versuchte mir die Medaille umzuhängen. Nach dem ersten Erdinger alkoholfrei ging es mir aber schon wieder besser und ich konnte mit Eike noch etwas über die Veranstaltung quatschen. Ein schönes kleines Event, was sicher in den nächsten Jahren noch wachsen wird. Ich werde vermutlich nächstes Jahr wieder am Start sein. Natürlich mit gemachten Hausaufgabenheft 🙂
Hier noch ein paar Fakten zum Lauf:

michi • 26. Juli 2015


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