Sport frei Michi

Metropolmarathon Fürth …

… oder zu was Spontanität alles führen kann. Eigentlich sollte es am 20.06 zum Silberstrom-Sportwochenende ins schöne Erzgebirge gehen, um meinen vorletzten Platz des Schneeberger Crosstriathlons vom letzten Jahr zu verteidigen. Nur fehlte mir irgendwie die Motivation mein Rad zu demontieren, mich 2,5 Stunden ins Auto zu hocken und dann bei Regen zu starten. Untypisch, aber wahr – hätte ich im Nachhinein gewusst, dass das eventuell die letzte Veranstaltung war, hätte ich vielleicht anders entschieden. Die Auflagen des Forstes sind wohl zu „hoch“ (also teuer) und so wurde bereits der normale Triathlon am Sonntag plus der Besuch von Faris Al Sultan abgesagt. Danke lieber Forst.

Also musste etwas Entspannteres ohne Demontage meins Drahtesels in der Nähe gefunden werden.

  • Wie gut, dass gerade an dem Wochenende der Metropolmarathon in Fürth war.
  • Wie gut, dass man sich am Samstag noch nachmelden konnte.
  • Wie gut, dass auch noch ein Bekannter (Enzo) schon gemeldet war.
  • Wie gut, dass er irgendwo zwischen 4:30 und 5:00 Minuten pro Kilometer finishen wollte.
  • Wie gut, dass mein 20km Jahresziel ja noch nicht so richtig offiziell war und
  • wie gut, dass in Vorbereitung auf den FunRun auch ein paar Grundlagenausdauer-Einheiten in den Beinen hatte.

Es sprachen also sehr viele Gründe dafür und im Handumdrehen war ich angemeldet, hatte meine Playlist zusammengestellt, war am Sonntag 7 Uhr (in Worten: amSONNTAGumSIEBENuhr) aufgestanden, kurz U-Bahn gefahren, Enzo getroffen, Enzo verloren, vor den 1:50 Pacemaker in die Startaufstellung gestellt und auf den Start gewartet. Ein paar Minuten vor Selbigen wurde ich noch von Tugi überrascht, der extra mit dem Bike aus Schwaig gekommen war um Enzo und mich zu unterstützen. Danke Tugi 😉 Startschuss … vor dem Event habe ich mich natürlich zu der ein oder anderen Prognose hinreissen lassen, die in das konkrete Ziel Sub 1:40h und eine 1:40h lange Playlist mündeten … also Play gedrückt und schon ging’s mit ca. 1400 Leidensgenossen auf die 21,2 km Leiden.

Nach dem FunRun habe ich mich auf das Schlimmste eingestellt und immer nach dem Nutella essenden Lego-Junkies gesucht. Allerdings liefen die ersten Kilometer überraschend gut. Ich konnte mich stabil um die 4:30 min/km – Achtung Wortkreation – „einpacen“  und mich dann meinen obligatorischen Rechenspielen hingeben. Also wenn ich jeden Kilometer in 4:30 min, dann … und was müsste ich denn laufen, um vielleicht doch 1:30 h … aus meinem mathematischen Delirium wurde ich durch das Rücken-Tattoo einer Läuferin gerissen. Bäm. Das Mädel hatte einen Trisuit an und somit gab es tiefe Einblicke jenseits der Abgründe der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das Tattoo war eigentlich ganz klassisch: chinesische Buchstaben entlang der Wirbelsäule. Eigentlich … allerdings hatte ich mich am Morgen nur mit einem NUTELLA-Brötchen zufrieden geben müssen und jetzt war es fast mittags, also in 2 Stunden.  Und was assoziiert der leere Bauch mit blutleerem sowie überforderten Gehirn und chinesischen Buchstaben? Jawoll, plötzlich konnte ich Chinesisch lesen und da stand klar und deutlich: Hühnchen Kung Pao im Menü mit Friehlingslolle.

Bis Kilometer 7 lief alles wie am Schnürchen, der Kollege, den ich ungefähr auf dieser Höhe überholt habe, hätte gesagt „am Schläuchchen“. Seine Profession Feuerwehrmann und scheinbar hatte er Bereitschaftsdienst, denn er lief die 10km in Vollmontur mit Sauerstoffflasche und allem Pipapo. Immer gut, wenn solche Leute auf der Strecke sind. Überhitzung: er kann helfen, Sauerstoffmangel: er kann helfen, Angst davor Letzter zu werden: er kann helfen bzw. sollte helfen können, ansonsten selbst kurz vor dem Ziel die Feuerwehrbereitschaft rufen.  Ein cooler Typ, abgefaustet und weiter ging es. Bei Kilometer 7 habe ich Schmerzen im rechten Knie bekommen, mal wieder und schon hatte ich einen ziemlichen Motivationsdämpfer gab. Sofort begannen wieder die Überlegungen, was in der Vorbereitung falsch gemacht wurde und ob das überhaupt das Richtige für mich ist. Jedenfalls hatte ich noch weiter 14 Kilometer um darüber nachzudenken, denn der Schmerz begleitete, wenn auch nicht so stark, bis ins Ziel. Ich habe es dann auf die starke Belastung der letzten Wochen und das vernachlässigte Athletik bzw. Krafttraining geschoben. 😉 Das muss besser werden.

Die nächsten Kilometer liefen trotz alledem zeitlich ganz gut und ich konnte fast immer unter 4:45 min bleiben. Bei der Hälfte der Strecke habe ich den letzten des Marathons überholt, ein ziemlicher Hüne, groß, schwer und bereits sichtlich von der Strecke gezeichnet. Als ich ihn gesehen habe, habe ich Gänsehaut bekommen. Er muss sich wirklich jeden einzelnen Meter hart erkämpfen und das nicht nur mit der Strecke auch gegen sich selbst. Gebe ich auf oder mache ich noch einen Schritt? Er hatte zu dem Zeitpunkt gerade mal ein viertel seines Weges hinter sich. Meiner Meinung nach sind das die Helden eines solchen Laufes. Als ich ihm meine Faust aus Respekt zum Abfausten hinhielt, hat er sie mir fast gebrochen so stark wie er abgecheckt hat. Ich hoffe ihn hat es genauso motiviert wie mich … ein sehr schöner Moment.

Die restlich Strecke dann die üblichen Gedanken, hält das Knie, schaffe ich meine Zielzeit. Ab Kilometer 16 habe ich mich dann hinter ein sehr stark aussehendes Pärchen geklemmt, mich ziehen lassen und beobachtet. Die beiden Jungs haben sich wirklich nichts geschenkt und in jeder Kurve die Führung gewechselt. Diese Abwechslung und der Willen mit den beiden mithalten zu können, hat mich auch etwas gepuscht und schon waren meine Zeiten wieder unter 4:30. Am Ende wurde dann auch noch taktiert, denn wenn die beiden bei ihrem Zweikampf zu viele Körner gelassen haben, könnte ich sie vielleicht mit einem Endspurt schlagen. Ich hatte ja schon in meinen Läuferdelirien viele absurde Gedanken und musste mal wieder feststellen, dass es noch absurder geht. Oft habe ich mich darüber ausgelassen, dass es doch überflüssig sei auf der Ziellinie plötzlich wie ein Stier loszuspurten, um noch einen Platz im mittleren Läuferfeld gut zu machen und jetzt diese Gedanken. Wenn ich noch etwas Gas gebe, kann ich vielleicht den mit dem nicht professionellen T-Shirt einholen. Der Andere hat so ein High-Tech-Ultrafaser-Ich-Hab-Schon-10-Triathlon-Langdistanzen-In-8-Stunden-Gefinished-Shirt an, ergo keine Chance. Auf dem letzten paar Metern war es dann soweit, Standard-Shirt gegen High-Tech-Shirt gegen mein Ich-Hätte-Gern-Überhaupt-Eine-Triathlon-Sprintdistanz-Gefinished-Shirt und plötzlich direkt vor uns Baumwolle. In dem Tempel der Lauftextilindustrie war das Blasphemie und konnte nicht geduldet werden. Nun war es an Standard, High-Tech und mir dieses letzte Bollwerk der Naturfaser zu zerschlagen. Allerdings, hatte ich schon beide auf den ersten Metern meiner Attacke hinter mir gelassen und war zur Sperrspitze geworden. Es galt: Finale, David gegen Goliath, 4 kg aufgesogener Schweiß gegen Aoerdynamik und Atmungsaktivität. Ich hörte den Moderator noch sagen: „Schaut euch die Beiden an, nach 21 Kilometer sprinten die noch als wär das nichts gewesen“ Was es dann auch nicht war, Baumwolle hatte gewonnen, die letzte Bastion hatte stand gehalten und hatte danach noch Kraft direkt zur Medaillienvergabe durchzulaufen, während  ich Probleme hatte an der Absperrung kauernd durchzuatmen. Ein Fotograf von Runners World hat das Drama aufgenommen:

Foto: Nobert Wilhelmi für Runners World

Foto: Nobert Wilhelmi für Runners World

Am Ende stand 1:34:04 auf der Uhr und ich war damit mehr als nur zufrieden.

Ich möchte mich noch bei allen Helfern und Zuschauern für die einmalige Unterstützung bedanken, das war echt klasse und sucht seinesgleichen. Besonderer Dank geht an die Kuchenfrau, die mich vor dem Start mit Kaugummis und nach dem Ziel mit Kuchen versorgt hat.

Also ihr Läufer, ich bin vermutlich nächstes Jahr wieder mit dabei, diesmal mit Kaugummis und einer anderen T-Shirt Strategie 😉

michi • 5. Juli 2015


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